ME CFS im Labor nachweisbar

CFS-Forschung: Den Fatigue-Mechanismus verstehen

CFS-Forschung hilft den Unterschied zwischen Müdigkeit und Chronischem Fatigue Syndrom zu verstehen! Jeder kennt das Gefühl von Müdigkeit: Nach einer langen Arbeitswoche, einer schlechten Nacht oder nach einer Erkältung. Schnell kommt dann der Gedanke: „Ich bin auch oft müde, aber ich reiße mich trotzdem zusammen – warum schaffen das Menschen mit CFS nicht?“ Ich schreibe diesen Beitrag als CFS-Betroffener anhand neuester Erkenntnisse aus der Forschung der University of Alabama (USA).

Vorweg – die Antwort ist ebenso überraschend wie eindeutig: CFS (oder auch ME-CFS; Myalgische Enzephalomyelitis, Chronisches Fatigue-Syndrom) hat mit normaler Müdigkeit so wenig zu tun wie ein Sturm mit einer leichten Brise. Deshalb können Menschen mit CFS nicht „einfach aufstehen“.

Erschöpfung – nicht Müdigkeit

Unter Erschöpfung (genauer: Fatigue1) zu leiden, ist etwas ganz anderes als müde zu sein! Stell dir vor, du hast eine so schlimme Grippe wie nie zuvor oder du liegst mit einer starken COVID-Infektion im Bett: Fieber über 39 Grad, Schüttelfrost, Glieder- und Gelenkschmerzen, dein Körper zwingt dich zu ruhen. Jeder Gang zum Bad wird zum Marathonlauf.

Genau so fühlt sich der Alltag für viele Menschen mit CFS an – mit dem Unterschied, dass sie sich (fast) nicht erholen und sich ihr Zustand auch nach Tagen oder Wochen nicht bessert…

Es geht also nicht um Faulheit oder mangelnde Motivation. Denn die körperliche Fatigue bei CFS ist keine Müdigkeit, sondern ein biologisch erklärbarer Zustand, der tief im Gehirn verankert ist.

Das Gehirn schlägt Alarm

Im Fokus steht ein kleiner, aber mächtiger Zelltyp: die Mikrogliazellen. Diese Immunzellen im Gehirn reagieren, wenn sie eine Infektion oder Gefahr erkennen. Sie schütten entzündungsfördernde Botenstoffe (Zytokine2) aus.

CFS Forschung Mikrogliazelle Mikroskop
Dreidimensionale Rekonstruktion einer Mikrogliazelle aus dem Gehirn einer jungen erwachsenen Maus, aufgenommen mit einem Konfokalmikroskop. Der Maßstab entspricht 10 Mikrometern.3

Mikroglia haben jedoch eine fatale Nebenwirkung: Sie stören den Stoffwechsel von Serotonin und Dopamin. Das Problem: Diese beiden Neurotransmitter sind für Motivation, Antrieb und Bewegungsplanung unverzichtbar!

Ohne genügend Serotonin und Dopamin ist das Gehirn sozusagen Handlungsunfähig und kann keine Befehle ausführen. Selbst einfache Dinge wie Körperhygiene oder eine Chat-Nachricht zu schreiben werden zu kaum überwindbaren Hürden.

Ein Schutzmechanismus wird chronisch

Grundsätzlich wäre dieser Fatigue-Mechanismus sinnvoll: Wenn wir krank sind, zwingt uns der Körper durch Müdigkeit zur Ruhe. So kann mehr Energie ins Immunsystem fließen, um dieses zu stärken.

Bei gesunden Menschen schaltet sich dieser Notfall-Modus nach überstandener Infektion wieder aus. Bei CFS-Patienten passiert genau das nicht. Ihre Mikroglia bleiben dauerhaft aktiviert, selbst wenn keine akute Infektion vorliegt.

Für Betroffene bedeutet das, dass sie ständig in einem Zustand leben, der mit einer schweren Grippe vergleichbar ist.

Müdigkeit aus dem Labor

Forscher konnten diese Prozesse nun im Labor nachstellen. Dazu nutzen sie Lipopolysaccharid (dieser Begriff wird manchmal synonym mit Endotoxin verwendet). Gesunden Menschen wird eine winzige Menge davon injiziert, um das Immunsystem kurzzeitig in Alarmbereitschaft zu versetzen.

Das Ergebnis ist erstaunlich:

  • 2 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht führen schon dazu, dass die meisten Personen niedergeschlagen und unkonzentriert werden.
  • 8 Nanogramm pro Kilogramm reichen aus, um völlige Funktionsunfähigkeit zu erzeugen – die Testpersonen fühlen sich dann, als hätten sie eine schwere Grippe.

Damit lassen sich bei Gesunden für einige Stunden ME/CFS-Symptome simulieren. Was für Probanden nach wenigen Stunden wieder verschwindet, ist für Betroffene Alltag – oft jahrelang.

Bildgebung macht das Unsichtbare sichtbar

Mittlerweile können Wissenschaftler die Aktivierung der Mikroglia mit speziellen bildgebenden Verfahren sogar direkt im Gehirn nachweisen. Diese zeigen, dass bei ME/CFS, Long COVID, Fibromyalgie oder auch dem Golfkriegssyndrom große Bereiche des Gehirns von dieser chronischen Entzündung betroffen sind.

CFS bildgebend mit Bildgebung MRT MRI nachgewiesen
Magnetresonanztomographie zeigt erstmals Entzündungen im Gehirn in vivo. Quelle: https://www.bionity.com/de/

Das Chronische Fatigue Syndrom ist keine Einbildung und auch keine reine „Stresskrankheit“, sondern ein belegbarer biologischer Zustand.

Mehr als Willenskraft

Nun zum vielleicht wichtigsten Punkt: Wille und Motivation hängen von diesen Botenstoffen ab. Wer sagt: „Man muss sich nur zusammenreißen“, übersieht, dass man die Krankheit nicht durch Willenskraft oder Anstrengung überwinden kann.

Die Forschung beweist: Fatigue ist kein Problem der Einstellung oder von Müdigkeit, sondern neuro-immunologischer Natur (eine Interaktion des Immun- und Nervensystems). Es legt im Gehirn die Grundlagen unseres Handelns lahm.

Hoffnung durch Forschung

Die große Herausforderung für die Wissenschaft besteht nun darin, herauszufinden, an welcher Stelle dieser Prozess gezielt unterbrochen werden kann. Die beteiligten Mechanismen sind bekannt: Mikroglia, Zytokine und Serotonin. Doch wie lässt sich dieser Teufelskreis unterbrechen, ohne andere wichtige Körperfunktionen zu beeinträchtigen?

Wissenschaftler betreiben weltweit Forschung und suchen nach Antworten. Eines ist klar: Je besser die biologischen Grundlagen verstanden werden, desto näher rückt die Chance auf wirksame Therapien.

Fazit

CFS ist keine „gewöhnliche Müdigkeit“ und auch kein Mangel an Disziplin. Es ist eine Krankheit, die tief im Immunsystem des Gehirns verwurzelt ist. Wer sie verstehen will, muss dies begreifen: Betroffene sind dauerhaft in einem Zustand gefangen, den Gesunde nur kurz bei einer schweren Infektion erleben.

Der Ausweg führt nicht über einen starken Willen, sondern über Mitgefühl, Forschung, sowie gezielte psychologische und medizinische Unterstützung.

Grund zur Hoffnung: Was heute wie ein unlösbares Rätsel aussieht, könnte morgen schon ein entschlüsselter Wirkmechanismus sein! So würde die Tür zu wirksamer Hilfe für Millionen CFS-Betroffene weltweit geöffnet.

Wenn du mehr erfahren willst, empfehle ich das Video unten. Es hat als Grundlage für diesen Artikel gedient.

Falls du diese Informationen hilfreich und hoffnungsspendend findest, leite den Artikel bitte an deine Freunde und Familie weiter. So hilfst du dabei, auf CFS – diese oft ignorierte und meist unterschätzte Krankheit – aufmerksam zu machen.

Danke für deine Unterstützung!


  1. Fatigue (Erschöpfung) bedeutet, dass eine Person das starke Bedürfnis hat, sich hinzulegen und auszuruhen, und so wenig Energie hat, dass es ihr schwerfällt, sich längere Zeit körperlich zu betätigen. ↩︎
  2. Zytokine sind Botenstoffe, die bei einer Reaktion des Immunsystems gebildet werden. Durch Zytokine können bestimmte Abwehrzellen aktiviert werden. Zytokine haben Effekte auf Entzündungsprozesse, Bakterienvermehrung und die Entstehung von Krebs. Zu den Zytokinen gehören unter anderem Interferone oder Interleukine. Da Zytokine direkt von den Entzündungszellen produziert werden, gelten sie als direkte Entzündungsmarker. Eines der wichtigsten Zytokine, das im Blut als direkter Entzündungsmarker gemessen werden kann, ist IL6. ↩︎
  3. Mikrogliazelle
    Von Nuria Garcia et al./Frontiers, Band 13, 22. Januar 2020.
    Lizenz ↩︎

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