Jakob Winzeler (1876 – 1937)

Vorbilder sind „Lebensbilder“. Es sind Menschen, an denen wir uns orientieren können. Männer und Frauen, die uns inspirieren und ermutigen. Personen wie Du und ich: Durchschnittlich, z.T. erfolgreich und glücklich, manchmal niedergeschlagen und geplagt. Diese Lebensbilder geben uns Orientierung und zeigen uns Möglichkeiten. Sie öffnen neue Türen und erweitern unseren Horizont. 

Dies ist ein Artikel, einer 30 wöchigen Serie über bekannte und weniger bekannte Lebensbilder. Ich wünsche Dir viel Freude beim Lesen und freue mich immer über Kommentare und Rückmeldungen! Wenn Du keinen Beitrag verpassen willst, folge diesem Blog und Du wirst jeweils per E-Mail informiert. 

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„Aussergewöhnliche Zeiten erfordern aussergewöhnliche Massnahmen“

Jakob Winzeler
Jakob Winzeler, Textilfabrikant

„Ein geistesgegenwärtiger Mann rettet im Winter 1914/15 die Schweiz vor der drohenden Hungersnot.“ So betitelte die Zürcher Illustrierte einen Bericht, wie ein Textilfabrikant getrieben von seiner christlichen Verantwortung von Gott gebraucht wurde, um während des Ersten Weltkrieges die Lebensmittelversorgung zu gewährleisten. Bei diesem Mann handelte es sich um den Textilfabrikant Jakob Winzeler. Als sich im Herbst 1914 die Grenzen der Schweiz zu den Nachbarländern schlossen, war nach einer schlechten Ernte die Versorgung mit überlebenswichtigen Güter nicht mehr gewährleistet. Wenn es nicht gelänge, zusätzliche Saatkartoffeln rechtzeitig zu beschaffen, war 1915 in der Schweiz mit einer Hungersnot zu rechnen. Die Politiker waren ratlos. Jakob Winzeler aber empfand die Not als persönlichen Auftrag. Er reiste kurzerhand nach Bern und bat den Bundesrat um Vollmacht, in Deutschland Saatkartoffeln gegen dort benötigte Waren einzutauschen. „Herr Winzeler, die Vollmachten, die sie wollen, hat nicht einmal unser Gesandter“, erwiderte ihm Bundesrat Hofmann. „Deshalb erreicht er auch nichts. Ausserordentliche Zeiten erfordern eben aussergewöhnliche Massnahmen“, erwiderte ihm Winzeler.

Dieses Argument überzeugte Bundesrat Hofmann. Bald reiste Winzeler als offizieller Delegierter des Bundesrates nach Berlin zum deutschen Reichskanzleramt. Er brachte dort den Handel „Fehlende Nahrungsmittel gegen Saatkartoffeln“ vor. Die Deutschen wiesen ihn ab. Schliesslich sei Kriegszeit und jeder müsse zuerst für sich selber sorgen. Darauf brachte Winzeler seine Enttäuschung vor Gott: „Ich habe doch so eine gute Sache zu vertreten. Warum habe ich diese Schwierigkeiten?“ Dann meinte er Gott zu hören, dass er, der sich als „,Freund der leidenden Menschen“ bezeichnete, selber nicht von diesem Handel profitieren dürfte. Darauf entschliesst sich Winzeler, nur eine minimale, für die Abwicklung der Geschäfte nötige Kommission zu verrechnen. Unerwartet gibt das Reichskanzleramt grünes Licht zum Deal. Für die frierenden Italiener tauscht nun Winzeler Pullover gegen in Deutschland fehlende Nahrungsmittel, die er dann dort wieder gegen die in der Schweiz benötigten Saatkartoffeln umtauscht. Alle drei beteiligten Länder profitierten von diesem Handel, ganz besonders die Schweiz. Während dem Ersten Weltkrieg lief der ganze Warenaustausch zwischen Deutschland und der Schweiz über Jakob Winzeler und seine Textilfirma.

Noch weit über die Kriegszeit hinaus hat der Schweizer Bundesrat in wirtschaftlichen Angelegenheiten den Rat und Beistand von Jakob Winzeler eingeholt. Diesem ging es weder um Geld noch um irdischen Ruhm, Die Ehrendoktorwürde lehnte er ab mit der Begründung, er wolle sich nicht „auf die Ebene der menschlichen Eitelkeiten begeben“. Er habe den für ihn gültigen Lebensinn längst anderswo gefunden. Seine Tochter Johanna trat später das politische Erbe ihres Vaters an und wurde 1980 als erste Frau zur Präsidentin des Grossen Rates des Kantons St.Gallen gewählt. Johanna Nüesch-Winzeler ist die Mutter des Autors.

Quelle: "30 kurze Lebensbilder" von Hanspeter Nüesch, Kontaktiere den Autor per e-mail: hpnuesch7(at)gmail.com

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